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Psychiatrische Mühlen mahlen langsam - sehr zum Leidwesen mancher Patienten, die dort seit Jahren hinter Gitterstäben schmachten. Und so dürfen wir mit dem neuen DSM, das 1999 initiiert wurde, vermutlich erst 2012 rechnen. Doch gut Ding will Weile haben. Was wie stetiger und sorgfältig verwirklichter Fortschritt aussieht, hat allerdings seine Tücken. So berichtete die Ärztezeitung am 7. Mai 2008 über häufige Interessenkonflikte der DSM-Autoren.
Die Ärztezeitung schrieb, die American Psychiatric Association habe nunmehr die Autoren der fünften Ausgabe des DSM offiziell nominiert. Seit zwei Jahren sei allerdings bekannt, dass mehr als die Hälfte dieser Autoren vor 1994 Geld von der Pharma-Industrie erhalten hätten - meist für Vorträge und Gutachten, aber auch für Ihre wissenschaftliche Forschung an Störungen, die mit den Medikamenten dieser freundlichen Sponsoren behandelt werden.
Es sei also nicht auszuschließen, dass die Gelder aus dem Pharma-Geschäft die Objektivität dieser Wissenschaftler beeinträchtigt hätten. Leider ist nicht bekannt, wie viel Geld die Forscher in der Folgezeit erhalten haben. Es gibt aber keinen Grund, an der Kontinuität der Zahlungen zu zweifeln. Und so sah sich die APA veranlasst, die Notbremse zu ziehen.Sie forderte die Autoren auf, ihre Interessenkonflikte offen zu legen und während der Zeit ihrer Mitarbeit nicht mehr als $ 10.000,00 pro Jahr aus diesen Quellen einzunehmen.
Die Brisanz dieser Verbindung zwischen Pharma-Industrie, Forschung und DSM ist für den Laien nicht ohne Weiteres zu erkennen - und so greifen Pharma-Kritiker gern zum Holzhammer: Die Psychiater, so behaupten sie z. B., würden Krankheiten erfinden, um den Pharma-Riesen milliardenschwere Finanzquellen zu erschließen. Als Beispiel wird oft die sog. "Aufmerksamkeitsdefizit / Hyperaktivitätsstörung" (ADHS) genannt.
Nun sollte man freilich die Kirche im Dorf lassen. Diese Verschwörungstheorie scheint mir doch zum simpel gestrickt zu sein. Die Vorstellung von Pharma-Vertretern, die in Universitäten mit dem Geldkoffer auftauchen und neue Krankheiten in Auftrag geben, wäre bestenfalls der Stoff für einen schlechten Film. Vielleicht ist sie aber auch ein Symptom einer bisher unbekannten Krankheit, für die wir dringend eine Pille brauchen.
In seinem Buch "The Selfish Gene" vertrat der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins die These, dass Gene nichts weiter im Sinn hätten als sich selbst zu reproduzieren. Unsere Körper seien nur Reprodutionsmaschinen, die von den Genen instrumentalisiert würden. Die ganze Sache habe keinen Sinn, kein Ziel, allein das Überleben und das Verbreiten der Erbanlagen sei entscheidend.
Später propagierte Dawkins eine Ergänzung zu den Genen, die Meme. Dabei handelt es sich um Informationseinheiten wie Wörter, Ideen, Pläne etc., die verbal verbreitet werden und die sich wie Gene verhalten. Auch ihnen geht es nur ums Überleben und um ihre Weiterverbreitung. Sie nutzen Münder als Sprachrohre und Hände als Schreibmaschinen. Auch diese Sache ist völlig sinnfrei und ziellos. Es gibt keine objektiven Wertmaßstäbe für die Meme - es kommt allein darauf an, was sich durchsetzt, verbreitet, Einfluss gewinnt, den es zu nutzen gilt, um für die weitere Verbreitung zu sorgen.
Wenn wir nun diesem Mem-Theorie auf die psychiatrische Diagnostik anwenden, dann wird deutlich, dass die Erfindung psychiatrischer Krankheiten gar nicht von der Pharma-Industrie in Auftrag gegeben werden muss.
Nehmen wir einfach einmal an, ein Mem niste sich in einem Kopf ein. Dieses Mem ist noch unbestimmt, es ist nur so ein gewisses Unbehagen, das sich mit einer bestimmten Sorte von Mitmenschen verbindet. Wir wollen nun nicht die Entwicklungslinien verfolgen, die sich ergeben könnten, wenn sich dieses Mem im Kopf eines Buchhalters oder eines Kammersängers eingenistet hätte. Nehmen wir an, es handele sich um einen aufstrebenden psychiatrischen Forscher.
Meme neigen dazu, sich mit anderen Memen zu verbinden, weil Einheit Stärke schafft. Dieses gewisse Unbehagen also, nennen wir es "Mem U" verbindet sich mit anderen, teilweise schon präziseren Memen oder Mem-Gruppen, die unser junger Psychiater zum Teil aus der psychiatrischen Literatur entnimmt. Er berichtet seinem Doktor-Vater von einem interessanten Phänomen, das er beobachtet und für das er auch einige interessante Erklärungsmodelle in der bisherigen Forschung gefunden habe.
Der Professor räumt ein, dass es sich dabei um ein interessantes Phänomen handele; man müsse es in Beobachtung halten. Dies ist natürlich ein nicht ganz befriedigende Reaktion aus Sicht unseres karrierebewussten Agenten des "Mems U". Vom dunklen Drängen des Mems inspiriert, sucht er - bewusst oder unbewusst" nach Memen, die sich schon erfolgreich durchs Leben geschlagen und weiterverbreitet haben. Und durch Zufall und Norwendigkeit, wie immer in der Evolution, entdeckt er das Mem "psychische Krankheit". Heureka, das ist es. Was er da entdeckte, dieses seltsame, Ungehagen erzeugende Phänomen ist eindeutig eine "psychische Krankheit".
Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Unser junger Wissenschaftler schreibt eine Doktorarbeit über eine hypothetische psychische Störung, die schon den Alten bekannt gewesen, dann aber lange vernachlässigt worden sei. Die Fachwelt wird durch einige einschlägige Publikationen in Journalen auf ihn aufmerksam.
Wie das Leben so spielt, forscht zur gleichen Zeit in einem Forschungslabor einer pharmazeutischen Fabrik ein junger Wissenschaftler an einer Substanz, die angeblich dem Wohle der Menschheit dienen soll, der aber in Wirklichkeit nur ein selbstsüchtiges Mem zugrundeliegt - nennen wir es "Mem P" mit "P" wie Pille. Der junge Pharma-Forscher ist zutiefst von der Potenz seines neuen Pharmazeutikums angetan. Allein er weiß noch nicht, wozu es gut sein soll. Und so ist das "Mem P" höchst unzufrieden mit seinem Agenten.
Derweil erfreut sich das "Mem U" im Verbund mit dem Mem "psychische Störung" zwar schon einer gewissen Berühmtheit, aber nur in Insiderkreisen - doch was ein rechtes Mem sein will, das will hinaus in die Welt und die Massen begeistern. Dazu braucht man freilich Geld.
Ich will diese Geschichte nicht weiter ausspielen, denn jeder weiß ja, wie sie endet. Schlussendlich kriegen sich "Mem U" und "Mem P" und machen viel Geld zusammen. Schließlich verbreiten Milliarden von Beipackzetteln ihren Ruhm in aller Welt. Das neue Medikament ist der Hit. Warum auch nicht? Wenn's schön macht...
Wenn wir den Faden fortspinnen wollen, dann können wir natürlich auch das Selbst als eine Gruppe von Memen auffassen. Getreu den Plänen seiner Meme versucht jedes Selbst, den eigenen Lebensentwurf durchzusetzen und zu verbreiten. Manchen Selbsten gelingt das ganz hervorragend - und Millionen von Teenagern tragen dann die Frisur genau so wie der geliebte Pop-Star. Andere haben weniger Erfolg - niemand will so sein wie der bedauernswerte Verrückte, der nachts durch die Straße eilt und den Mond anheult, weil er glaubt, er sei ein Wolf.
Nennen wir das Mem, das heulen will wie ein Wolf, nach bewährter Übung das "Mem W". Seiner wölfischen Natur gemäß will es frei laufen und heulen. Doch manche Mem-Wölfe sind schwach und vom Leben gebeutelt. Sie könnten verführt sein, sich mit dem Mem "psychische Krankheit" zu verbünden - in der Hoffnung, als "Der-wie-der-Wolf-heult-Syndrom" größere Aufmerksamkeit zu genießen.
Vielleicht läuft der beklagenswerte Mem-Wolf, der sich mit der "psychischen Störung" verbündet hat, der Mem Gruppe "U und P" über den Weg. Daraus könnte schnell ein Bündnis "U, P und W" werden. Und wenn alles gut läuft, dann sehen wir den Heuler bald in einer Talkshow, wo er darüber berichtet, wie er dank "P" seinen Hang zum Heulen überwand. Huuhuu-huhuhuhuuuuuuuuuh!
Das Diagnostische und Statistische Manual ist das offizielle Diagnose-Handbuch der Amerikanischen Psychiatrie-Vereinigung und es dient weltweit als Richtschnur bei der Klassifizierung psychischer Störungen. Die erste Version erschien 1952; die z. Z. gültige Version ist DSM-IV.
Zum Begriff der psychischen Krankheit

Der wie ein Wolf heult
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